Verbundsysteme

Was ist unter einem Verbundsystem zu verstehen?

 

Unter einem Verbundsystem verstehen wir die Organisationsform des Hilfesystems in einem Netzwerk, das sich durch verbindliche Vereinbarungen zwischen den Kooperationspartnern definiert. Verbundsysteme dienen der Bereitstellung und Organisation von individuellen Hilfen für den einzelnen suchtkranken Menschen sowie einer strukturell bedarfsgerechten Hilfe für alle suchtkranken Menschen in einer Region, gleich welcher Krankheitssituation. Damit diese Netzwerke leistungsfähig sind und verbundlich arbeiten, bedürfen sie schriftlich fixierter Kooperationsverträge, aus denen Verantwortung, Interventionsbereiche und Entscheidungswege hervorgehen.

 

Ein Behandlungsverbund ist die verbundmäßige Organisation des Segments Behandlung für suchtkranke Menschen.
Er umfasst dabei insbesondere das Zusammenwirken von ambulanter Behandlung/Beratung, teilstationärer und stationärer Behandlung und Adaption, entsprechend den Forderungen einer Integrierten Versorgung nach § 140a ff. SGB V.
Behandlungsverbünde können Teil eines über die Behandlung hinausgehenden Verbundsystems sowie Teil eines ansonsten nicht verbindlich organisierten Hilfesystems sein und umfassen auch alle Angebote der Selbsthilfe.

 

Verbundsysteme in der Suchtkrankenhilfe dienen dem Zweck, bedarfsgerechte Hilfe für die betroffenen Suchtkranken und ihre Angehörigen anzubieten, indem sie die vorhandenen Versorgungsstrukturen optimieren und Kooperationsmodelle nutzen.

 

Rehabilitation ist nach dem SGB IX kein abgeschlossener Sektor des Gesundheitswesens oder eines einzelnen Leistungsträgers. 
Den Anforderungen an eine arbeitsbezogene Rehabilitation wird in der Suchthilfe durch erweiterte Formen der Vernetzung entsprochen. Dazu zählen Kontakte zu Jobcentern und Reha-BeraterInnen, die Vermittlung in Berufsbildungsmaßnahmen, das Nachholen von Schulabschlüssen, Praktika sowie Beschäftigungs- und Arbeitsprojekte, die vielfach ebenfalls in Händen von Suchthilfeträgern den Leistungen des SGB III (Arbeitsförderung) entsprechen.
Insbesondere die Schuldenregulierung stellt eine besondere Herausforderung an die Vernetzung dar. Eine Verschuldung beeinträchtigt die Teilhabe am Arbeitsleben wie auch am Leben der Gemeinschaft erheblich.

 

Idealerweise vernetzt ein Verbund der Suchthilfe folgende Versorgungseinrichtungen:

 

  • Beratungsstellen übernehmen die Vorbereitung und die Motivationsarbeit für die Reha-Maßnahme. Zum Teil bieten Beratungsstellen als kombinierte Beratungs- und Behandlungsstellen ambulante Reha im eigenen Haus an. Diese Beratungsstellen sind im regionalen Verbund auch für die Nach- und Weiterbetreuung verantwortlich.
  • Niedergelassene Ärzte, Einrichtungen der psychiatrischen Krankenhäuser und Versorgung sind Teil des Netzwerkes.
  • Adaptions- und Nachsorgeeinrichtungen
  • Job-Center, Schuldnerberatungen sowie Arbeits- und Qualifizierungsprojekte
  • Die Selbsthilfe zählt als integraler Teil des regionalen Versorgungssystems zum Netzwerk.

 

Trotz aller Modelle und Rahmenvorstellungen ist ein Versorgungsverbund immer eine singuläre Konstruktion. Sie kann nicht ohne weiteres auf ein anderes Umfeld übertragen werden. Die Besonderheiten der Kooperationsmodelle müssen jeweils vor Ort entwickelt und an die bestehenden Verhältnisse adaptiert werden. 
Der regionale Verbund wird über Lenkungsgremien gesteuert. Örtlich zuständige Koordinationsgruppen organisieren die gemeinsame Qualitätssicherung und Fallbesprechung.

 

Warum kann nicht alles bleiben wie es ist?

 

Angesichts der Krise der sozialen Sicherungssysteme und öffentlichen Haushalte und einer sich aller Voraussicht nach weiter zuspitzenden Situation, müssen innovative Wege eingeschlagen werden, um die Effizienz und Effektivität der Versorgungssysteme zu erhöhen und so mit geringerem Kostenaufwand gleiche oder bessere Leistungen erbringen zu können.

 

Dadurch, dass im Regelsystem der gesundheitlichen Versorgung in den vergangenen Jahren Vergütungssätze eher real gesenkt als erhöht wurden, ist eine Herausforderung für das Management der betreffenden Einrichtungen entstanden. 
Einrichtungsträger stehen vor dem kaum lösbaren Problem, mehr Leistung für weniger Vergütung erbringen zu müssen. Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität der medizinischen Rehabilitation müssen in einem vernünftigen Verhältnis von Patientenarbeit, Management und Koordination gesichert werden.

 

Die Überschaubarkeit und therapiefördernde Atmosphäre einer Verbundlösung gibt Antworten auf neue Fragen der Veränderung des Versorgungssystems.

 

Gesetzliche Rahmenbedingungen

 

Der Gesetzgeber fordert im SGB IX, im Interesse der betroffenen Menschen, eine Gesamtplanung und die Koordinierung verschiedener Reha-Träger, -Leistungen und -Einrichtungen. Damit steht das SGB IX für eine neue Form der Leistungserbringung im Sinne einer umfassend verstandenen Teilhabe, die über die spezifischen Ansprüche des SGB V und SGB VI hinausgeht. Über eine stabile Abstinenz sind die Verbesserung oder Wiederherstellung der Erwerbsfähigkeit sowie die gesellschaftliche Teilhabe anzustreben. Entsprechende soziale Eingliederungsmaßnahmen sind gleichermaßen in der Rehabilitation zu berücksichtigen.
Dies betrifft im Hinblick auf verbundorientierte Leistungen insbesondere die Bestimmungen zur Koordination der Leistungen (§ 12 SGB IX), mit dem Ziel, "die im Einzelfall erforderlichen Leistungen zur Teilnahme nahtlos, zügig sowie nach Gegenstand, Umfang und Ausführung einheitlich" zu erbringen.

 

Forderungen

 

  • Die medizinische Rehabilitation suchtkranker Menschen muss durchgängig teilhabeorientiert sein und darf, insbesondere bei komplexen Rehabilitationsbedürfnissen, nicht als einzelne Maßnahme verstanden werden.
    Sie muss als langfristiger, nachhaltiger Prozess begleitet werden.
  • Angesichts der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ist ein "armutsfestes" System der gesundheitlichen Sicherung erforderlich. Leistungen der medizinischen Rehabilitation Sucht müssen allen Bevölkerungsschichten unabhängig von Einkommen, Bildung und Lebenslage offen stehen.
  • In viel stärkerem Maße als bislang muss die medizinische Rehabilitation Sucht mit der sozialen und beruflichen Rehabilitation vernetzt sein.
    Im Sinne einer umfassend verstandenen Teilhabe müssen die Leistungsträger künftig soziotherapeutische Zielsetzungen und Interventionen gleichberechtigt neben medizinische und berufsfördernde Maßnahmen in den Blick nehmen.
  • Die Leistungsträger müssen zu einer verbesserten und intensiveren Vernetzung der vielfältigen Leistungen beitragen. Die Abrechnung der Leistungen auf der Grundlage unterschiedlicher Leistungsgesetze muss vereinfacht werden, beispielsweise durch den Abbau von Verwaltungshemmnissen (Dokumentationsanforderungen/Formularwesen).
  • Die Leistungserbringer sollten grundsätzlich und kontinuierlich in die Erarbeitung von Vereinbarungen und Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Rehabilitationsleistungen eingebunden werden.