4. Berliner Mediensucht-Konferenz

Vernetzung ist das große Thema

4. Berliner Mediensucht-Konferenz gut besucht / GVS-Befragung zur Mediensucht vorgestellt

 

Auch in diesem Jahr war die 4. Berliner Mediensucht-Konferenz ein großer Erfolg. Rund 150 Personen kamen am 16. und 17. September im Berliner Johannesstift zusammen, um an der von GVS, der Techniker Krankenkasse Berlin-Brandenburg und der Rheinischen Fachhochschule Köln ausgerichteten Veranstaltung unter dem Motto „Hinschauen und Handeln – Hilfe für Mediensüchtige“ teilzunehmen.

 

Im Mittelpunkt stand in diesem Jahr die Frage nach den geeigneten Strukturen für eine optimale Hilfe für alle Betroffenen der Mediensucht. In seinem Einführungsvortrag stellte der GVS-Geschäftsführer Dr. Theo Wessel neben einem Überblick zur Thematik auch die Ergebnisse der jüngsten GVS-Befragung der diakonischen Suchtberatungsstellen zum Thema Mediensucht vor. 128 Beratungsstellen hatten an der Befragung teilgenommen.

 

Vier Trends zeigten sich in der Befragung

 

1. Die Anfragen nehmen zu. Pro Monat kommen etwa 3 Betroffene und deren Angehörige mit diesem Thema in eine Suchtfachstelle kommen, um sich beraten zu lassen. Im Vergleich zu ersten Befragung 2008 ist das eine Zunahme um etwa 30 Prozent.

 

2. Die Betroffenen kommen häufiger selbst. Es kommen heute immer mehr Betroffene selbst, während es vor drei Jahren noch überwiegend die Angehörigen waren, die Rat gesucht haben.

 

3. Mädchen stellen ein Drittel der Anfragen. Ein anderer Trend ist, dass es immer mehr Frauen und Mädchen sind, die Hilfe suchen oder brauchen. Bei der letzten Befragung ging es noch zu über 90 Prozent um Jungen bzw. Männer.

 

4. Computerspielsüchtige zeigen häufig zugleich psychische Probleme. Mehr als 80 % der süchtigen Computerspieler hat zugleich psychische und soziale Probleme.

 

„Unsere Befragung ist nicht repräsentativ. Doch sie gibt ein paar interessante Hinweise“, sagt GVS-Geschäftsführer Dr. Theo Wessel. „Sie zeigt zum Beispiel, dass der weitaus größte Teil der Betroffenen noch nicht im Hilfesystem ankommt. Auch wenn das Gefahrenbewusstsein bei den Internetnutzern steigt, verharren die meisten sozial isoliert vor ihrem PC. Aus dieser Situation müssen wir sie herausholen.“ 

 

Eine der wichtigsten Aufgaben sei deshalb jetzt, so der GVS-Geschäftsführer, in die Prävention alle gesellschaftlichen Bereiche mit einzubeziehen, in denen das Problem Mediensucht auftauchen könnte und bemerkt werden sollte, wie Jugendhilfe, Schulen, berufliche Ausbildungsstätten, Universitäten. „Wir müssen ein Netzwerk schaffen, mit klaren Vereinbarungen, wie Menschen zu helfen ist.“  Eine zweite Ebene betrifft die weitere Qualifizierung der Fachstellen Sucht zum Thema Mediensucht, so Wessel:  „Das ist unsere Aufgabe als diakonischer Fachverband. Da sind wir dran.“ Und eine dritte den weiteren Aufbau von spezialisierten Behandlungszentren, Spezialabteilungen in Kliniken und spezialisierten ambulanten Psychotherapien. Wessel: „Wir haben zwar schon Einiges geschafft, die Ansätze eines Hilfesystems sind da. Aber wir sind noch weit von einer ausreichenden oder gar zufriedenstellenden Versorgung entfernt.“

 

Vielseitige Themenauswahl in zehn Workshops

 

Die unterschiedlichen Themen, Fragestellungen und Probleme einer umfassenden Versorgung wurden in insgesamt 10 Workshops vorgestellt und zum Teil heiß diskutiert. Weiterer Höhepunkt war eine Podiumsdiskussion unter dem Titel „Zwischen den Stühlen – Die Medienindustrie als Geldgeber für Prävention, Beratung und Behandlung der Mediensucht?“ mit Vertretern unterschiedlicher Professionen und Arbeitsbereiche sowie auch der Industrie selbst. Schnell wurde deutlich, dass die Forderung nach einer Anerkennung eines „Störungsbildes Mediensucht“ im Rahmen der ICD geleiteten Diagnostik wohl auch der Schlüssel zur Übernahme einer nicht nur interessengeleiteten Verantwortung der Medienindustrie ist.

 

Debatte zwischen Philosoph und Blogger

 

Zum Abschluss der Konferenz gab es noch eine spannende Debatte zwischen dem Medienphilosophen Prof. Dr. Mike Sandbothe und dem Blogger und Medienjournalist Marcus Bösch. Der Titel der Debatte „Die Mediengesellschaft von Morgen: User oder Loser?“ lieferte die Stichworte für einen unterhaltsamen, pointierten, streitlustigen und manchmal auch einigen Dialog. Deutlich scheint jedenfalls, dass die Grenzen zwischen „User“ und „Loser“ oft fließend und bei beginnenden Problemen aufgrund einer exzessiven Nutzung häufig nicht sichtbar oder vorhersehbar sind.

 

Fazit: Wir sollten der ausgewogenen, „gesunden“ und bewussten Nutzung von Medien auch in der Zukunft unsere größte Aufmerksamkeit widmen. Individuelle und gesamtgesellschaftliche Probleme durch die exzessive Nutzung von Medien gehören in eine gemeinsame Verantwortung und müssen zu entsprechenden Angeboten im Rahmen von Prävention, Beratung und Behandlung führen.

 

Bericht von Knut Kiepe/Claudia Biehahn